Privatdozentin Dr. med. Stefanie Märzheuser

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Jonathan , Johanna und Joram freuen sich, daß ihre Mutter nun weltweit über die Seite erreichbar ist.

Die Kindernotaufnahme der Charité ist ein abwechslungsreicher Arbeitsplatz.

Tag 1

 

DIE KINDERNOTAUFNAHME:  MAGNETO

 

Kinderchirurgin Dr. Stefanie Märzheuser berichtet hier  über ihren Alltag, echte Fälle und Begegnungen in der Kinderklinik der Charité Berlin.

 

MAGNETO

 

„Es gibt Klassiker, die man beinahe täglich in der Kindernotaufnahme sieht. Und dann gibt es Fälle, die auch uns Kinderchirurgen seltener begegnen. Wie der des fünfjährigen Julius auf der Suche nach den Superkräften…“

 

Welches Kind wünscht sich nicht, Superkräfte zu haben? Eher selten dürfte die Verehrung einer Comicfigur allerdings in die Notaufnahme führen. So wie beim fünfjährigen Julius. Ihm hatte es der Superschurke aus X-Men besonders angetan.

 

Auf den ersten Blick schien Julius nichts zu fehlen. Allerdings steckte er mitten in einem Experiment: Er wollte magnetisch werden. Nachdem er einen ersten Magneten gegessen hatte, trat aber keine Wirkung ein. Also aß er sieben weitere. Während sein Vater angesichts der Fremdkörper im Bauch seines Sohnes durchaus beunruhigt in unserer Notaufnahme saß, schien Julius noch immer vielmehr der Gedanke zu beschäftigen, warum er das Metall trotzdem nicht wie „Magneto“ verbiegen konnte.

 

Leider hatte Julius nicht schon nach dem ersten Magneten aufgegeben. Das Röntgenbild zeigte, dass sieben der Magnete eine Kette im Bauch gebildet hatten. Der achte, wahrscheinlich der, den der Junge als erstes geschluckt hatte, war ein winziges Stück von den anderen im Magen entfernt. Und so bestand die Gefahr, dass Magen- oder Darmwand eingequetscht werden. Durch den Druck kann dann mit der Zeit ein Loch entstehen, durch das Magensaft oder Stuhl in die Bauchhöhle gerät. Also nahmen wir den Jungen stationär auf.

 

Am nächsten Morgen war nach einer zweiten Röntgenaufnahme klar: wir müssen operieren. Ein schwieriger Moment für Julius Eltern. Julius selbst hat keine Angst. Bei der OP entfernten wir alle acht Magnete aus dem Bauchraum. Sieben befanden sich im Magen, den achten, vermutlich der, den Julius als erstes geschluckt hatte, fanden wir im Dickdarm. In der Dickdarmwand war schon ein kleines Loch entstanden, das wir schließen mussten.

 

Vier Tage nach der OP war Julius schon wieder fit genug, um aus dem Krankenhaus entlassen zu werden. Acht Magnete waren keine gute Mahlzeit, aber dass sein Experiment gescheitert war, war für ihn nach wie vor die größte Enttäuschung. Seine Eltern waren einfach nur erleichtert, dass es nochmal gut ausgegangen war.


 

Tag 2

 

DIE KINDERNOTAUFNAHME

 

Kinderchirurgin Dr. Stefanie Märzheuser berichtet bei uns über ihren Alltag, echte Fälle und Begegnungen in der Kinderklinik der Charité Berlin.

 

Wie schlimm ist ein Armbruch?

 

Knochenbrüche gehören zum Alltag in der Kindernotaufnahme. Das Spektrum der Verletzungen reicht von Stauchungsbrüchen, bei denen der elastische kindliche Knochen gewaltsam zusammengeschoben wurde bis zu offenen Frakturen, bei denen die Knochen durch die Haut spießen.

 

Wie schlimm ist also ein Armbruch?

 

Die zehnjährige Anna hat am Nachmittag beim Fußballspielen als Torwart einen scharf geschossenen Ball mit der flachen Hand abgewehrt. Anschließend klagt sie über Schmerzen im Unterarm auf der Höhe des Handgelenks.

Notfalltropfen und ein Cool Pack haben die ersten Schmerzen gelindert. Das Handgelenk ist etwas geschwollen.

Annas Vater findet die Verletzung nicht beunruhigend. Er ist selbst Fußballspieler und hat schon manchen „Pferdekuss“ ohne ärztliche Hilfe überstanden.

Annas Mutter ist besorgt und möchte am liebsten sofort in die Klinik fahren.

Anna selbst sagt, dass ihr Arm nur dann weh tut, wenn sie das Handgelenk dreht oder etwas in der betroffenen Hand halten will.

Die Familie einigt sich darauf zunächst abzuwarten. Am Abend hat Anna immer noch Schmerzen und das Handgelenk ist weiterhin geschwollen, ein Bluterguss ist nicht zu sehen.

 

In die Notaufnahme kam Anna abends um acht Uhr. Wie alle Kinder, bei denen der Verdacht auf einen Knochenbruch besteht, erhielt das Mädchen als erstes ein Schmerzmittel. Bei der körperlichen Untersuchung tat der Arm daher schon nicht mehr so weh und die kleine Patientin konnte bei der Prüfung der Beweglichkeit, der Sensibilität und der Durchblutung aktiv mitmachen.

 

Der Unfallhergang, die Beschwerden und der Lokalbefund legen einen Knochenbruch nahe, daher wurde eine Röntgenaufnahme angefertigt. Der klinische Verdacht bestätigte sich im Röntgenbild: Anna hatte eine Stauchungsfraktur des Radius. Der Radius ist der größere der beiden Unterarmknochen. Durch die Gewalteinwirkung auf die dorsalflektierte Hand war der elastische kindliche Knochen zusammengeschoben worden. Dieses Verletzungsmechanismus ist typisch für das wachsende kindliche Skelett. Bei einem Erwachsenen gibt es diese Art von Knochenbruch nicht, weil die sprödere Konsistenz des Knochens ein Ineinanderschieben des Knochens nicht  mehr zulässt.

 

Anna erhält eine umgreifende Unterarmgipsschiene. Dieser Gipsverband stellt den Arm ruhig, so dass die Schmerzen verschwinden. Der Gips ist leicht, nicht vollständig geschlossen, so dass er zum Abnehmen einfach nur aufgeschnitten werden muss. Die laute Gipssäge ist nicht erforderlich.

 

Zwischen Annas Eltern entbrennt ein Streit. Die Mutter hat Angst, dass Annas Arm Schaden genommen haben könnte, weil sie nicht direkt nach dem Unfall in die Klinik gefahren sind. Sie ist ärgerlich auf Annas Vater.

 

Manchmal können Kinderchirurgen als Streitschlichter wirken. Ich beruhige die Eltern. Anna hat eine stabile Fraktur, das bedeutet, dass ein Verrutschen der Knochenenden auch ohne Gipsverband nicht zu erwarten ist. Selbst wenn Anna erst mit Verspätung in der Klinik vorgestellt wurde, wird das keine negativen Folgen für sie haben.

 

Direkt nach einem Unfall, vermischen sich Schmerz und Angst, die Aufregung ist groß. Wenn keine offensichtliche Fehlstellung vorliegt lohnt es sich Ruhe zu bewahren und abzuwarten. Halten die Schmerzen an, kann immer noch ein Arzt oder eine Klinik aufgesucht werden.

 

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© PD. Dr. med. Märzheuser